Das Wappen Schorndorfs

1988 - Marie Marcks
Laudatio von Heidi-Barbara Kloos

Preisträgerin - 1984 - Katharina Adler   Marie Marcks wird heute zum ersten Mal mit einem Preis ausgezeichnet. Das kann doch nicht wahr sein, dachte ich mir, als ich das hörte. Fast an jedem Tag wird an irgendeinem Ort unserer Republik ein Preis vergeben, und da soll an einer so renommierten Künstlerin wie Marie Marcks noch keiner hängen geblieben sein?

Zweiundzwanzig Bücher gibt es von ihr, und ihre Karikaturen und Cartoons konnte man in unzähligen Ausstellungen von Marseille bis Hamburg, von Wien bis Ost-Berlin quer durch Europa bewundern. Und dann bisher noch kein Preis? Ich vermute, es gibt zwei Gründe.

Vielleicht liegt es erstens daran, dass man als Karikaturist meist links von der Macht und organisatorisch zwischen allen Stühlen sitzt...

Der zweite Grund für die bisherige Preislosigkeit von Marie Marcks ist wohl der: Viele der Preis-Jurys sind fest in Männerhand. Das Netzwerk ist fein gewoben, aber sicher geknüpft. Frauen haben da geringe Chancen, und es gibt bei vielen Preisen kaum Preisträgerinnen. Nur ein Beispiel: Der Schiller-Gedächtnispreis des Landes Baden-Württemberg wird seit 1955 vergeben. Anzahl der Frauen unter den Ehrenpreisträgern: Eine. Frauen rangieren gelegentlich auch auf Platz zwei bei den Fördergaben.

So hätte man also - gäbe es ihn nicht schon - den Barbara-Künkelin-Preis für Marie Marcks erfinden müssen.

Barbara Künkelin und Marie Marcks, wie passen diese beiden Frauen zusammen? Am 6. September 1888 stand an einem Rednerpult hier in Schorndorf der Herr Professor Dr. Schott und hob zu einer Jubelrede anlässlich der 200-Jahr-Feier der Weiber von Schorndorf an.

Die schwäbische Kunde von der Bürgermeisterin von Schorndorf - so sagte er - hat einen guten Klang überall im Schwabenland. Unvergessen lebt sie fort, nicht bloß eingeschrieben in die stillen Bücher der Geschichte, sondern auch frisch und herrlich in die Herzen derer, welche mit stolzer Freude sie ihre Bürgermeisterin nennen. Und mit der Stadt freut sich jeder echte Schwabe über die wackere Frau, die es gewagt hat, mitten in den Tagen der tiefsten Schmach, da die Ubermacht des Feindes jeden Widerstand unmöglich zu machen schien, da Mutlosigkeit und Verzagtheit alle Herzen zu überwältigen drohte, die halb verschollene alte schwäbische Herzhaftigkeit und Tapferkeit wieder aufleben zu lassen und zu Ehren zu bringen. Aus jenen trüben schweren Dezembertagen des Jahres 1688 bricht die Verteidigung von Schorndorf wie ein heller, glänzender Sonnenstrahl, herzerquickend den schönsten Tag der Befreiung verkündigend.

Schön gesprochen, Herr Professor, aber auch wahr?

Die Männer, die 1688 die Stadt übergeben wollten, hatten ja durchaus ein politisches Konzept. Sie folgten der legitimen Obrigkeit und hofften, damit den Interessen der Stadt längerfristig am besten zu dienen und kurzfristig die Zerstörung der Stadt zu vermeiden. Die Frauen dagegen nahmen die unmittelbaren Folgen für die Zivilbevölkerung ernst, die Gewalt gegen Frauen, Kinder, Arme und Schwache. Sie wollten nicht mehr wie bisher im Katastrophenfall die Wunden verbinden, sie wollten die Wunden vermeiden. Deshalb überwinden sie Kinder, Küche, Kirche und den Widerstand der Schorndorfer Männer, ergreifen die Initiative und erzwingen eine andere politische Entscheidung...

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Vollständiger Text in: Heimatblätter 6, Schorndorf 1988, S. 167-174